Montag, 24. Dezember 2018



Vor mehreren Wochen hat mich ein syrischer Freund angesprochen, er hat einen jungen syrischen Mann kennen gelernt, der wohl eine Behinderung hat und sich einen elektrischen Rollstuhl gekauft und der Probleme mit der Batterie hat.
Er fragte, ob ich mir den Rollstuhl evtl. einmal anschauen kann und ob man vielleicht neue Batterien kaufen könnte.
Ich sagte ihm, dass das kein Problem sei, ich gerne versuche, zu helfen und wir haben für den nächsten Tag einen Termin bei dem Mann gemacht.
Hier beginnt nun eine Geschichte, die mich sehr berührt hat und auch noch lange Zeit beschäftigen soll.
Wir sind also am nächsten Tag losgefahren. Ziel sollte in Ludwigshafen die Bayreuther Straße sein.
Der Straßenname war mir zwar ein Begriff, er zählt wohl zu den übelsten sozialen Brennpunkten in Ludwigshafen, allerdings war ich selbst noch nie dort.
Dort angekommen, fiel als erstes der zugemüllte, verschmutze und wirklich trostlose Häuserblock auf, vor dem ein mit Planen abgedeckter elektrischer Rollstuhl stand.
Wir haben uns den Rollstuhl angeschaut und Bilder von den Batterien gemacht, so dass wir eine Möglichkeit haben, passende Batterien bei Händlern anzufragen.
Kurz bevor wir wieder abfahren wollten, hat sich ein junger Mann auf zwei Krücken zu uns geschleppt und uns begrüßt, es war der Besitzer des Rollstuhles.
Mein Begleiter übersetzte vom Arabischen ins Deutsche und teilte mir mit, dass wir wohl zu einer Tasse Kaffee eingeladen sind.
Wir folgten dem Mann also in seine Wohnung, wo er sich mit schmerzerfülltem Gesicht auf eine Matratze im Wohnzimmer fallen lies.
Das Wort Wohnung passt eigentlich nicht so richtig, mehrere Räume, notdürftig eingerichtet mit kaputten Möbeln, schmutzigen Teppichresten auf dem Boden und einer Eiseskälte im Wohnzimmer, eine Heizung war nicht zu sehen.
Eine junge Frau mit abwesendem Blick begrüßte uns und brachte auch gleich für jeden eine Tasse Kaffee.
Der Mann auf der Matratze fragte auch gleich, ob es möglich sei, neue Batterien für seinen Rollstuhl zu besorgen und was sie wohl kosten würden. Er hat sich den Rollstuhl gebraucht gekauft und kann sich nur kurze Zeit mit seinen Krücken bewegen.
Ich dachte mir sogleich : kann doch nicht sein, der Mann ist behindert und sollte doch einen Rollstuhl von der Krankenkasse bekommen, also fragte ich ihn, warum er sich den Rollstuhl privat kauft.
Dann begann er leise seine Geschichte zu erzählen und mein Begleiter übersetzte.
Am 18.04.2013 war der Mann in seinem syrischen Dorf für Besorgungen unterwegs, als der Ort einen Luftangriff erlebte.
Eine Bombe explodierte in seiner direkten Nähe und zerfetzte das linke Bein sowie Teile seines Unterarms.
Irgendjemand hat ihn wohl mehr tot als lebendig gefunden und hat ihn in ein Lazarett gebracht, wo er notdürftig versorgt wurde.
Er fiel dort für 30 Tage in´s Koma und kam erst in einem Krankenhaus in der Türkei wieder zu Bewußtsein.
Eine Frau, die er eigentlich nicht einmal richtig kennt, hat privat alle Kosten übernommen, auch die Bezahlung für 8 Operationen, in denen ihm das linke Bein komplett bis zum Becken abgenommen wurde, 30 Prozent des Beckenknochens sowie die Blase entfernt werden mußten.
Er wurde dann nach 45 Tagen zurück nach Syrien zu seiner Familie gebracht, wo er mit einigen Schachteln Ibuprofen sich selbst überlassen wurde.
Die Familie hat dann nach 6 Monaten Syrien verlassen und hielt sich in der Türkei auf, von wo aus sie wieder zurück nach Syrien transportiert wurden.
Aufgrund der Versorgungslage in Syrien hat er sich fast ein Jahr nur im Haus aufgehalten, ohne jede weitere Versorgung, nur mit Unmengen von Schmerzmitteln.
Dann hat er seinen kompletten Besitz in Syrien verkauft und mit dem Geld einen Schleuser finanziert, der ihn und seine Familie über die Türkei nach Griechenland gebracht hat, von wo aus er Mitte 2015 über die Balkan-Route nach Deutschland kam und dort im Aufnahmelager Ingelheim für 14 Tage untergebracht wurde.
Im Oktober 2015 kam er dann nach Ludwigshafen und wurde in der Bayreuther Straße einquartiert.
Soweit die tragische Geschichte der Familie und nachdem er mir seine Verletzungen zeigte, wurde mir erst richtig die Tragweite dieses Unglückes klar.
Ich frage ihn, ob er denn nicht hier in Ludwigshafen in irgendeiner Art weiter behandelt wird und ob er nicht bei der Krankenkasse wegen einem Rollstuhl vorgesprochen hat.
Er kramte aus einer übergroßen Plastiktüte voller Papiere ein Rezept heraus. Dort hatte ein Arzt irgendwann im vergangenen Juni einen Rollstuhl verschrieben, es gibt auch ein Papier mit handschriftlichen Notizen eines Sanitätshauses über eine Rollstuhl-Bbestellung aber mehr weiss er nicht.
Die Familie lebt mit ihren 3 Kindern vollkommen zurückgezogen, hat keinen großen Kontakt zu anderen Menschen.
Er zeigt mir auch ein Papier vom medizinischen Dienst Rheinland-Pfalz, der einen Termin zur Begutachtung vor 2 Wochen gemacht hat, aber es sei niemand gekommen.
In mir macht sich Unverständnis breit…
Ein schwerstbehinderter Mann mit einer Familie, 3 Kindern im Alter von 6-9 Jahren lebt inmitten unserer Gesellschaft in einer vollkommen verwahrlosten Absteige für Obdachlose ohne Heizung und ohne weitere medizinische Versorgung.
Ich habe mir über die wichtigsten Dinge Notizen gemacht um zu überlegen, welche Schritte jetzt unternommen werden müssen, um hier die sichtbare Not dieser Familie zumindest erträglicher zu machen.
Wir haben uns dann verabschiedet und sind ohne weitere Worte sichtlich erschüttert zurück gefahren.
Am nächsten Morgen habe ich dann als erstes beim medizinischen Dienst der Pflegekassen angerufen und versucht, einen Sachbearbeiter zu sprechen.
Dort wurde ich natürlich gleich mit Verweis auf den Datenschutz abgewimmelt und nur mit viel Geduld konnte ich der Dame am Telefon erklären, dass ich keine Angaben über den Betreffenden austauschen möchte, sondern nur darum bitten möchte, dem Mann einen neuen Termin zur Begutachtung zu schicken.
Die Dame am Telefon erklärte nur, es sei wohl jemand dort gewesen aber weil kein Dolmetscher anwesend war sei man wohl wieder abgezogen und habe dem Mann vorab Pflegestufe 2 zugeteilt, was aber noch nicht richtig bestätigt sei.
Da ich so nicht weiter kam, haben wir mit einem Übersetzer nochmal die Familie aufgesucht.
In einem langen Gespräch zeigte sich dann, dass wohl wirklich jemand vom medizinischen Dienst da war. Es wurden Fragen gestellt aber wegen dem fehlenden Übersetzer hat sich die Dame nur die Wohnung angeschaut, sich einige Notizen gemacht und ist wieder gegangen.
Dann zog der Mann aus seiner Tüte ein Schreiben vom Jobcenter vor, das er morgens bekommen hat. Dort wird der Ehefrau angedroht, dass die Leistungen eingestellt werden, weil sie nicht zum vorgeschriebenen Integrationskurs kommt.
Ich versuche, näheres von der Familie zu erfahren, warum die Frau nicht zum Unterricht kommt.
Unter Tränen erklärt sie, dass sie ihrem Mann aufgrund des Verlustes der Blase alle 30 Minuten den Urinkatheter wechseln muss und keine Möglichkeit hat, ihn auch nur kurze Zeit alleine zu lassen.
Langsam kann ich mir vorstellen, was diese Frau mitmachen muss, sie hat sich ihr Leben sicherlich anders vorgestellt. Sie erklärt, dass das alles für sie kein Problem ist und sie als Ehefrau selbstverständlich Ihrem Mann in jeder Beziehung zur Seite steht aber sie können auf die Unterstützung durch das Jobcenter nicht verzichten.
Der Mann verbringt den ganzen Tag auf einer schmutzigen Matratze, schläft auch dort, weil er aus einem Bett heraus nicht aufstehen kann. Aufgrund der Inkontinenz ist die Matratze natürlich auch mit ausgetretenem Urin verschmutzt, es gibt keine Vorrichtung zum Duschen, alles stemmt die Frau nach ihren Möglichkeiten alleine und ohne Klagen.
Meine Liste mit den Dingen, die jetzt dringend erledigt werden müssen, wird immer länger.
Zuerst muss dem Jobcenter die Situation geschildert und die drohenden Sanktion abgewendet werden, das wurde sofort per Post erledigt.
Die Frau hat einen Termin beim Jobcenter bekommen, die Situation geschildert und zumindest in dieser Angelegenheit ist jetzt einmal Ruhe eingekehrt.
Als nächstes muss mit der Versicherung und dem medizinischen Dienst versucht werden, neue Termine zur Beurteilung der Situation zu machen.
Der Pflegeaufwand muss neu bewertet werden und auch abgeklärt werden, ob es eine Möglichkeit eines finanziellen Ausgleiches für die Leistungen der Frau geben kann oder ob eine Pflegekraft unterstützend zur Seite steht.
In der Wohnung, direkt neben der defekten Eingangstür steht in einem Zimmer ein alter Ofen, die einzige Heizmöglichkeit in der ganzen Wohnung.
Weil der Mann sich den ganzen Tag in einem abgewinkelten Zimmer aufhält, in dem keinerlei Wärme mehr ankommt, haben wir jetzt zuerst einmal elektrische Heizlüfter besorgt. Bisher hat sich jeder dort nur mit dicken Winterjacken und Mützen aufgehalten, durch die Heizmöglichkeit ist es jetzt zumindest möglich, dort ohne Winterkleidung zu sitzen.
Wir wollen jetzt auch Inkontinenz-Unterlagen für die Schlafstelle des Mannes bestellen, um eine weitere Verschmutzung der Matratze zu verhindern.
In einem Vorgespräch mit einem Hauseigentümer wurde eine mündliche Zusage getroffen, dass die Familie im Januar evtl. die Wohnung wechseln kann und dort einziehen wird. Die neue Wohnung wäre zumindest annähernd behindertengerecht, eine Zusage der Mietkosten durch das Jobcenter liegt jetzt auch vor.
Im Moment ist viel Schriftverkehr zur endgültigen Klärung erforderlich.
Im nächsten Schritt versuchen wir mit Unterstützung der verantwortlichen Versicherungen zumindest lebenserleichternde Dinge zu erreichen wie eine Vorrichtung für die Dusche, damit der Mann sich richtig waschen kann, ebenso muss die Möglichkeit für ein vernünftiges Krankenbett geprüft werden.
Mit dem Hausarzt muss weiterhin geklärt werden, warum die Geschichte mit dem bereits verschriebenen Rollstuhl nicht weiter verfolgt wurde.
Aufgrund der zerstörten Rückenmuskulatur kann sich der Mann nur mit großen Schmerzen und nur für extrem kurze Zeit mit Krücken fortbewegen, ein Rollstuhl ist hier
unumgänglich , um zumindest halbwegs am öffentlichen Leben teilzunehmen.
Hilfreich wären auch Hilfsmittel für die Inkontinenz in Bezug auf Windeln, wobei nicht sicher ist, welche Möglichkeit es aufgrund des fehlenden Beckenknochens zur Befestigung am Körper des Mannes gibt.
Es liegt auch ein schriftlichen Gutachten eines Mannheimer Spezialisten vor, das ausführlich die traumatischen Auswirkungen des ganzen Geschehens um die Verletzung und die Situation der Familie beschreibt.
Es muss jetzt schnellstmöglich ein Weg gefunden werden, der Familie eine Perspektive zum sozialen Zusammenleben zu geben, evtl. auch eine Möglichkeit, sich mit ähnlich betroffenen Personen auszutauschen und einen Platz in unserer Gesellschaft zu finden, ohne sich abzuschotten oder vollkommen zurück zu ziehen.
Wir haben einen Aufruf per Email gestartet, um kompetente Ansprechpartner zu finden, die uns Wege und Möglichkeiten zeigen, hier helfend zur Seite zu stehen und bisher war die Reaktion darauf mehr als Positiv.
Viele öffentliche Stellen haben Unterstützung zugesagt, ein syrischer Verein will auch Kontakt mit der Familie aufnehmen und sie so ins soziale und gesellschaftliche Leben zurück zu bringen.
Eine sichtliche Herausforderung für die nächste Zeit mit einer großen Verantwortung der Familie gegenüber.
Im Moment besteht die Hauptaufgabe in der Kommunikation mit Behörden und Versicherungen, passende Möglichkeiten zu finden, die aus der kritischen Situation herausführen.
Wir werden hier den weiteren Verlauf der Angelegenheit ausführlich schildern und freuen uns über Unterstützung jeglicher Art.
Ein ganz besonderer Dank geht an Pfarrerin Frau Burgdörfer von der protestantischen Kirchengemeinde in Oggersheim, die sich sofort bereit erklärt hat, unsere Anfrage nach Unterstützung an die erforderlichen und verantwortlichen Stellen weiter zu leiten.
Wer ein paar Euro zur Unterstützung beitragen möchte, kann den Betrag gerne überweisen, wir werden die persönliche Übergabe entsprechend dokumentieren.
Paypal Spenden bitte an :
https://www.paypal.me/Lessinger
oder per Überweisung an :
FLÜCHTLINGSHILFE RUCHHEIM
Sparkasse Vorderpfalz
IBAN : DE11545500100003583085
BIC : LUHSDE6AXXX
Bitte als Verwendungszweck : BAYREUTHERSTRASSE angeben




Das Bild hat uns der kleine Sohn des Mannes zugeschickt....

Dienstag, 11. Dezember 2018


Video unseres Medizinprojektes in Bangladesch vom 24.11.2018 bis 10.12.2018



Wir sind wieder aus Bangladesch zurück....
Viel Elend und ein Riesenprogramm, was die medizinische Betreuung angeht.
Über 1000 Menschen behandelt und Unmengen an Medikamenten verteilt.

































Freitag, 16. November 2018

Wir haben heute für das Somalia-Projekt eine große Menge an OP-Zubehör, Scheren, Zangen und Pinzetten, Verbandsmaterial, OP Kleidung und vieles mehr von der Fa. ARNDT MEDIZINTECHNIK als Spende erhalten, herzlichen Dank !